Die Geschichte der Übersetzung

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Von der Entstehung der Sprache über die Übersetzung vorrangig religiöser Texte bis hin zur hochprofessionellen Dienstleistung des 20./21. Jahrhunderts.

„Übersetzung“ – der Begriff als Ausgangspunkt

Bevor die Geschichte der Übersetzung bzw. der Translationswissenschaft betrachtet werden kann, muss der Begriff „Übersetzung“ näher definiert werden.

Gemäss dem Deutschen Wörterbuch WAHRIG bezeichnet der Begriff Übersetzung  die „Übertragung (eines Textes, Buches, Dokuments) von einer Sprache in eine andere“. Das Verb übersetzen bedeutet demnach „in eine andere Sprache übertragen“. Dabei kann ein „Satz, Text wörtlich, sinngemäss“ (1) übertragen werden. Der Begriff Translation kommt übrigens aus dem Lateinischen (translatio) und bedeutet nichts anderes als Übertragung.

Die Sache ist jedoch nicht ganz so einfach. Die Definition von Eugene A. Nida und Charles R. Taber ist um einiges treffender: „Translating consists in reproducing in the receptor language the closest natural equivalent of the source-language message, first in terms of meaning and secondly in terms of style. But this relatively simple statement requires careful evaluation of several seemingly contradictory elements.” (2) Ähnlich der Definition im WAHRIG geht es in erster Linie um die Übertragung in die andere Sprache. In zweiter Linie jedoch soll auch der Stil übertragen werden, was aufgrund der sprachlichen Unterschiede kein leichtes Unterfangen ist. Nicht zuletzt bezeichnet der Begriff Übersetzung aber auch das Produkt des Translationsprozesses.

Grundlagen und erste Übersetzung

Die Grundlage für den eigentlichen Übersetzungsprozess  war die Entstehung der Schrift. Viele Jahre lang glaubte man, dass die ersten Schrifterzeugnisse aus der Zeit um 3500 v. Chr. stammen. Damals handelte es sich noch um einfachste Zeichnungen resp. Piktogramme. Sie stammen von den Sumeren (Mesopotamien) und entstanden aus den Bedürfnissen der Verwaltung und der Tempelwirtschaft. Doch wurden in den letzten Jahren Schriftexemplare in Ägypten und Europa gefunden, die weitaus älter sind und von der Forschung auf eine Zeit von 5300 v. Chr. datiert wurden.

Aufsehen erregte in der Translationswissenschaft die Entdeckung des Steins von Rosette, welcher auf etwa 196 v. Chr. datiert wird. 1799 wurde dieser in Rosette, einer Hafenstadt im Nildelta, entdeckt. Das Dekret der Priesterschaft war zweisprachig, nämlich Ägyptisch und Griechisch. Ausgeführt war das Dekret in drei Schriftarten: in Hieroglyphen sowie demotischer und griechischer Schrift. Nicht zuletzt konnten die Hieroglyphen dank dem Stein von Rosette entschlüsselt werden.

Ausgangstext der meisten der uralten und berühmten Übersetzungen waren vor allem religiöse Schriften.  So auch die Septuaginta, bekannt als die älteste durchgehende Bibelübersetzung, welche im Jahre 247 v. Chr. entstand. Der einen Theorie nach soll diese erste Übersetzung der jüdischen Bibel aus dem Hebräischen ins Griechische von einer Delegation von ca. 72 Übersetzern entstammen, welche von Ptolemaios II. Philadelphos (Pharao von Ägypten) grosszügig empfangen und bewirtet wurden.

Die Übersetzungszunft unter Schutz

Dieser Abschnitt der Übersetzungsgesichte (0 – 500 n. Chr.) ist besonders. von einer berühmten Figur geprägt: Sophronius Eusebius Hieronymus. Der Heiliggesprochene hat es sogar zum Schutzpatron der Übersetzer gebracht. Der damalige Papst Damasus I. beauftragte Hieronymus mit der Übersetzung der Bibel ins Lateinische. Der nun für die Kirche für lange Zeit massgebliche lateinische Bibeltext erhielt den Namen Vulgata.

9./10. Jahrhundert: im Zeichen der Wissenschaft

830 n. Chr. wurde in Bagdad das sogenannte „Haus der Weisheit“ (Bayt al-Hikma) gegründet. Dieses wurde als Institution für systematische Übersetzungen bekannt. Leiter dieses Hauses war unter anderem Abū Zayd Hunayn ibn Ishāq (oder lat. Johannitius). Er ist eine wichtige Persönlichkeit für die Translationswissenschaft, gilt er doch als „Begründer der wissenschaftlichen Übersetzungskunst“ (3). In der Forschung gibt es jedoch Stimmen, die das Bestehen dieser Institution negieren.

Jedenfalls war die Nachfrage nach Übersetzungen in Bagdad gross. Das Schwergewicht lag auf der Übersetzung mathematischer, astrologischer und astronomischer sowie medizinischer Texte.

Neben Bagdad spielte auch Toledo in Spanien im 12. bis 13. Jahrhundert eine wichtige Rolle. Die Stadt Toledo prosperierte aufgrund der dort gegründeten Übersetzungsschule von Toledo bzw. der zahlreichen Übersetzungstätigkeiten. Die Schule war einflussreich, da sie den Wissenstransfer (z.B. medizinisches Wissen) nicht zuletzt durch die Übersetzung arabischer Texte ermöglichte. Dabei handelte es sich jedoch nicht um eine Institution, sondern unter dem Begriff „Übersetzungsschule von Toledo“ wurden vielmehr die Übersetzungstätigkeiten aus dem Arabischen zusammengefasst.

Renaissance: Aufschwung der Berufsgattung Übersetzer

Die Renaissance stand vor allem im Zeichen des modernen Buchdrucks, welcher von Johannes Gutenberg erfunden worden ist. In ganz Europa schossen nun Druckereien wie Pilze aus dem Boden. Um das Jahre 1500 gab es in Italien bereits ca. 80 Druckereien. Es wird geschätzt, dass in Europa im 15./16. Jahrhundert bereits 27‘000 Druckereibetriebe ca. 20 Millionen Druckexemplare herstellten. Dank des Buchdrucks nahm also der schriftliche Wissenstransfer zu und somit auch das Interesse an Übersetzungen. Eine wichtige Übersetzerfigur der Renaissance stellt Martin Luther dar. Über seine Übersetzungsarbeit verfasste er eigens eine eigene Schrift, den „Sendbrief vom Dolmetschen“ (von 1530). Erstaunlich ist dabei die Übersetzungsart bzw. der praktizierte Stil von Martin Luther. „Das „interpretierende Übersetzen geht über die bloße Wiedergabe von Worten hinaus und sucht, die Meinung und Sache des Textes, u.U. in erstaunlicher Freiheit gegenüber dem Buchstaben, in der eigenen Sprache wiederzugeben.“ (4) Damit kam er dem heutigen, modernen Übersetzungsverständnis bereits sehr nahe.

Romantik: Vielfalt der Texte

Auch die Romantik, die kulturgeschichtliche Epoche schlechthin, spielte in der Translationswissenschaft eine wichtige Rolle. Bis anhin prägte vor allem die Übersetzung religiöser Schriften die Übersetzungstätigkeit. Von nun an kamen aber auch literarische Werke dazu und damit die sogenannte „literarische Übersetzung“. Auch dieses Zeitalter brachte seine Übersetzerfiguren hervor. August Wilhelm Schlegel war einer von ihnen. Er wurde unter anderem für seine begonnene Shakespeare-Übersetzung bekannt.  Schlegel war vor allem der Kulturtransfer und die wechselseitige Beziehung nationaler Sprachen wichtig. Sogar Johann Wolfgang von Goethe beschäftigte sich intensiv mit der Übersetzungswissenschaft und statuierte die „zwei Übersetzungsmaximen“.

20. Jahrhundert bis heute: Übersetzung als professionelle Dienstleistung

Das 20. Jahrhundert und das neue Jahrtausend stehen im Zeichen der Globalisierung. Diese bedeutet nicht nur einen weltweiten Wissenstransfer, sondern ist auch von prosperierenden und wechselseitigen Wirtschaftsbeziehungen geprägt. So verwundert es kaum, dass die Nachfrage nach Übersetzungen ungebremst ist. Heute steht nicht mehr die Übersetzung religiöser Schriften im Mittelpunkt.  Die Übersetzungstätigkeit bezieht sich vielmehr auf alle Bereiche des Lebens, von der Wissenschaft über die Medizin, Technik, Wirtschaft, Kunst und Kultur bis zur Freizeitlektüre.

Mit der gesteigerten Nachfrage nach Übersetzungen hat sich auch der Übersetzungsstil geändert. Heutzutage ist die Übersetzung eine höchst professionalisierte Dienstleistung, die vielen verschiedenen Ansprüchen genügen muss. Ins Zentrum gerückt ist insbesondere die Lokalisierung. Dabei müssen Texte der Zielgruppe und dem kulturellen Kontext im Land der Zielsprache angepasst werden. Besonders bei der Bearbeitung und Übersetzung von Werbetexten kommt man dem  bereits von Martin Luther praktizierten interpretierenden Übersetzen sehr nahe.

Fazit: Wissenstransfer als eigentliches Ziel?

Als roter Faden durch die Geschichte der Übersetzung, deren wichtigste Stationen hier lediglich ausschnittweise dargestellt wurden, zieht sich der Wissenstransfer. Früher wurden Bibeln und Dekrete übersetzt, heute Texte aller Art. Immer geht es auch um den Kulturtransfer. Die Übersetzung ist ein unglaublich wichtiges und „schlagkräftiges“ Tool der Kommunikation und erschliesst heutigen Unternehmen ferne Märkte. Deshalb sollte diese oft als Kunst bezeichnete Tätigkeit auch auf möglichst hohem Niveau betrieben werden.

 

Liternaturnachweis:

Andreas Würgler, Medien in der frühen Neuzeit, Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Band LXXXV, München 2009

Bernhard Lohse, Martin Luther, Eine Einführung in sein Leben und Werk, 3. Aufl., München 1997 (4)

Eveline Podgorski, Übersetzungsschule von Toledo, München 2006

Eugene A. Nida/Charles R. Taber, The Theorie and Practice of Translation, 2. Aufl., Leiden 1982 (2)

Franz Schupp, Geschichte der Philosophie im Überblick, Christliche Antike, Mittelalter, Band II, Hamburg 2007

Harald Haarmann, Geschichte der Schrift, 3 Aufl., München 2007

Hartmut Böhme, Christoph Rapp, Wolfgang Rösler (Hrsg.), Übersetzung und Transformation, Berlin 2007

Heiko Faber (Hrsg.)/Götz Frank (Hrsg.), Demokratie in Staat und Wissenschaft, Festschrift für Ekkehart Stein zum 70. Geburtstag, Tübingen 2002

Heinz-Josef Fabry/Dieter Böhler (Hrsg.), Im Brennpunkt: Die Septuaginta, Band III; Studien zur Theologie, Anthropologie, Ekklesiologie, Eschatologie und Liturgie der Griechischen Bibel, Stuttgart 2007

Hermann A. Schlögel, Das alte Ägypten, Geschichte und Kultur von der Frühzeit bis zu Kleopatra, München 2006

Otto Zöckler, Hieronymus, Sein Leben und Wirken aus seinen Schriften dargestellt, 2005 (Replika Edition des Originals von Friedrich Andreas Perthes, Gotha 1865)

Renate Wahrig-Burfeind, WAHRIG Deutsches Wörterbuch, 8. Aufl., Gütersloh/München 2006 (1)

York-Gothart Mix/Jochen Strobel (Hrsg.), Der Europäer A. W .Schlegel, Romantischer Kulturtransfer – Romantische Wissenswelten, Berlin/New York 2010


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